// The story of Helena //

"Helena's" origin: Czech Republic
Is "Helena" still in prostitution? yes (probably)
If yes, is it known where? Germany
If no, where did she get out? - - -
How did she get out? - - -
Birth year: 1976
Year of evidence: 1999


Bei meinem ersten Kontakt war Helena 19 Jahre alt, seit zwei Jahren in den verschiedenen Grenzregionen als Prostituierte tätig. Sie wurde in Kladno, einer Stadt nahe Prag, als drittes Kind einer Roma-Familie geboren und war in ihrer Kindheit fast immer sich selbst überlassen. Essen und Kleidung besorgte sie sich häufig von Müllhalden. Im Alter von sechs Jahren, kam sie in ein Kinderheim. Mit neun Jahren wurde Helena in eine Pflegefamilie, welche in Usti nad Labem lebte, integriert. Von da aus kam sie mit zwölf Jahren in ein Erziehungsheim. Dort lebte sie bis zum 18. Lebensjahr. Während des Heimaufenthaltes absolvierte Helena eine Ausbildung als Krankenpflegerin.

Ich traf Helena erstmals während des Streetwork-Einsatzes im November 1995, an einem Straßenstrichbereich der E 49, hinter der Stadt Cheb. Am Anfang verhielt sie sich unserer Arbeit gegenüber sehr distanziert und zeigte sich wenig gesprächsbereit. Wir stellten fest, daß sich unter den anderen Mädchen, mit denen sie sich den Standplatz teilte, auch ihre Zuhälterin aufhielt. Im Februar 1996 erzählte uns Helena , daß sie von einem deutschen Freier ein Kind erwarte. Sie war bereits im fünften Schwangerschaftsmonat. Zwar wollte sie das Kind austragen, hatte aber bis zu dem Zeitpunkt auf Grund der fehlenden Krankenversicherung keine Möglichkeit einer ärztlichen Untersuchung. Daraufhin versuchten wir bei allen Gynäkologen in Cheb einen Untersuchungstermin zu bekommen. Mitgeteilt wurde uns, daß ohne gültige Krankenversicherung eine Untersuchung nur bei sofortiger Bezahlung möglich sei. Helena besaß jedoch kein Geld, da sie sämtliche Einnahmen an die Zuhälterin abgeben mußte.

Kurze Zeit später brachten wir sie nachts in die Notaufnahme des Krankenhauses Cheb, da sie seit Tagen keine Kindsbewegungen spürte. Die diensthabende Ärztin untersuchte sie und diagnostizierte eine Gonorrhoe-Infektion. Sie verweigerten jedoch eine Behandlung wegen des fehlenden Versicherungsschutzes. Das Angebot der Ärztin, sie zu einem Gynäkologen zu überweisen, mußte Helena aus oben genannten Gründen so empfunden haben, daß man sie einfach loshaben wollte. Da uns in unserem Aufgabenbereich in solchen Fällen keine andere Möglichkeit bleibt, mußten wir Helena zu ihrem Standort zurückbringen. Am nächsten Tag war Helena Zeit verschwunden. Nachfragen unsererseits zu ihrem Aufenthaltsort wurden von den anderen Mädchen und der Zuhälterin mit Ausflüchten beantwortet.

Wir trafen sie erst im Februar 1996 wieder. Sie hatte mehrere Platzwunden im Gesicht und erzählte uns, daß sie trotz der Schwangerschaft weiter anschaffen müßte. Häufig würde sie von der Zuhälterin und deren Mann geschlagen. Sie bat uns um eine Möglichkeit, "nie mehr" anschaffen zu müssen, sie aus "diesem Milieu" wegzubringen. Wir nahmen sofort Kontakt mit Behörden und Ämtern der Tschechischen Republik auf. Dabei ergaben sich Schwierigkeiten bei der Beschaffung einer Unterbringungsmöglichkeit. In der Tschechischen Republik existieren keine Frauenhäuser. In den wenigen Frauenwohnheimen werden nur Mütter mit Kindern bis zu Jahren aufgenommen. Bedingt durch die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz von Prostituierten, waren die zuständigen Behörden nicht bereit, Unterstützung zu gewähren.

Nach einem Monat fanden für sie eine Bleibe in einem Arbeiterwohnheim in Usti nad Labem. Helena hielt sich dort bis zur Entbindung ihres Kindes auf. Das zuständige Sozialamt von Usti nad Labem sicherte uns die Kosten für Aufenthalt sowie Lebensunterhalt zu, wenn Helena gültige Ausweisdokumente vorlegen kann. Diese wurden ihr jedoch von der Zuhälterin in Cheb weggenommen. Wir baten die Polizeidienststelle der Stadt Cheb um Hilfe, diese wurde uns ohne Nennung der Gründe verweigert. Da die Zuhälterin ständig bei Helena stand, war es inzwischen nicht mehr möglich, mit ihr allein zu sprechen. Über Freunde aus Deutschland, die als Freier getarnt nach Cheb fuhren, übermittelten wir Informationen zum Ausstieg.

Inzwischen nahmen wir Kontakt mit dem Standesamt ihrer Geburtsstadt Kladno auf. Dort baten wir um die Ausstellung der benötigten Ausweisdokumente. Dieses Anliegen wurde uns wiederum verwehrt, da Helena die Dokumente selbst beantragen müsse. Am 26. April 1996 organisierten wir gemeinsam mit einem Bekannten aus Deutschland, der sich auch als Freier ausgab, ihre Abholung aus Cheb. Er fuhr mit Helena in die Nähe von Karlovy Vary, wo wir sie entgegennahmen. Von da aus brachten wir sie zum Standesamt nach Kladno. Dort besorgten wir die notwendigen Ausweispapiere, fuhren anschließend in das Kinderheim nahe Usti nad Labem, um dort ihren letzten Wohnort bestätigen zu lassen. Danach übergaben wir sie einer Mitarbeiterin des Sozialamtes von Usti nad Labem. Von dort wurde Helena in das Arbeiterwohnheim gebracht und bekam ein kleines Zimmer zugewiesen. Wir hinterließen für sie Kleidungsstücke und eine Babyausstattung. Die zuständige Mitarbeiterin des Sozialamtes informierte uns, daß Helena nach der Entbindung in ein Frauenwohnheim nach Teplice gebracht würde. Auf Grund der großen Entfernung zwischen Cheb und Usti nad Labem informierten wir das grenzüberschreitende Partnerprojekt "Angela", das in Helenas Nähe tätig war. Wir baten die Sozialarbeiterinnen um eine Nachbetreuung und eventuelle Hilfestellung. Im guten Wissen, Helena untergebracht zu haben, erfuhren wir erst Monate später, daß eine Nachbetreuung nie geschehen ist.

Anfang Juni 1996 rief uns Helena an, teilte uns mit, daß sie ein kleines Mädchen entbunden hatte, jetzt im Frauenwohnheim Teplice lebt. Von Zeit zu Zeit telefonierten wir mit ihr, es schien ihr gutzugehen.

Ende Januar 1997 sahen wir Helena aber während der Streetwork an ihren alten Standort nahe Cheb wieder. Sie erklärte uns, daß sie eine Freundin besuche und ihr Baby bei Bekannten in Teplice gelassen habe. Ihren Angaben nachgehend, stellten wir fest, daß sie nicht der Wahrheit entsprachen. Sie stand regelmäßig in Begleitung ihrer Zuhälterin am Straßenstrich. Es war uns nicht möglich, mit ihr zu sprechen, da von der Zuhälterin jeden Kontakt verhinderte wurde.

Daraufhin riefen wir im Frauenwohnheim Teplice an. Von dort wurde uns mitgeteilt, daß Helena von unbekannten Männern abgeholt worden war, sich seither nicht gemeldet habe. Ihr Baby war in das Kinderheim Teplice gebracht worden. Eine Anzeige seitens des Frauenwohnheimes habe es nicht gegeben, die Mitarbeiterinnen seien von den unbekannten Männern bedroht wurden. Nach einiger Zeit nahm Helena Kontakt zu uns auf, erzählte uns von der Entführung aus dem Wohnheim, bat uns erneut um Hilfe, wieder wollte sie "weg".

Wir nahmen Kontakt mit der Hilfsorganisation "La Strada" in Prag auf, deren Zielgruppen Frauen sind, die über Menschenhandel zur Prostitution gelangten. Die Hilfsorganisation hatte aber nur ein begrenztes Kontingent von Notwohnungen zur Verfügung, versprach uns jedoch, geeignete Möglichkeiten zu finden. Inzwischen erfuhren wir von anderen Prostituierten, daß Helena von ihrer Zuhälterin verkauft worden sei; niemand wüßte, "wohin".

Im Januar 1998 trafen wir sie erstmals an einem Standort auf der Smetanova ulica (Innenstadt von Cheb) wieder. Sie erzählte uns nun, daß sie inzwischen siebenmal von verschiedenen Zuhältern verkauft worden war. Ihr letzter Zuhälter habe sie häufig mißhandelt, ihr infolge mehrerer Messerstiche schwere Verletzungen in der Nierengegend zugefügt. Sie hatte eine Unterkunft bei einem Freund in Kynsperk, nahe Cheb, gefunden. Dieser handelte mit Drogen . Mittlerweile hatte Helena selbst regelmäßig Drogen genommen. Kurze Zeit später warf sie dieser Freund, für den sie inzwischen anschaffen gegangen war, aus der Wohnung.

Im Februar 1998 brachten wir Helena in unserer Beratungsstelle in Cheb unter, versorgten sie mit Essen und Kleidung. Es gelang uns jedoch nicht lange, ihren Aufenthalt geheimzuhalten. Sie wurde von zwei Zuhältern gefunden und zusammengeschlagen. Daraufhin organisierten wir eine Unterkunft in einer Notwohnung in Brno, die von der neu gegründeten Hilfsorganisation "Magdalenium" (zuständig für ausstiegswillige Prostituierte) eingerichtet worden war.

Im März 1998 brachten wir sie von Cheb nach Prag, übergaben sie dort einer Sozialarbeiterin, die in dieser Hilfsorganisation tätig war. Nach kurzer Zeit fand Helena eine Arbeit als Krankenpflegerin in einem Brno`er Krankenhaus. Sie bekam eine Unterkunft in einem Schwesternwohnheim, richtete sich dort ein kleines Zimmer ein. Mehrmals wöchentlich rief uns Helena an, berichtete stolz von ihrer Arbeit. Sie schien darüber sehr glücklich.

Im August 1998 bekam sie das erste Mal Urlaub und besuchte mich in Plauen. Anfang September teilte uns Helena telefonisch mit, daß das Krankenhaus demnächst geschlossen werde und sie dann keine Arbeit mehr hätte. Mit der Schließung des Krankenhauses verlor sie gleichzeitig ihr Zimmer im Schwesternwohnheim.

Wir setzten uns mit der Hilfsorganisation in Brno in Verbindung, baten um Unterstützung für Helena bei der Wohnungs- und Arbeitsuche. Leider zeigte sich die zuständige Sozialarbeiterin wenig kooperativ. Sie teilte uns mit, daß es keine finanziellen Mittel mehr für "diese" Hilfsorganisation "Magdalenium" gäbe und somit eine Unterstützung nicht möglich sei. Die Sozialarbeiterin brachte jedoch Helena vorübergehend in einem Heim für schwererziehbare Jugendliche unter. Dort durfte Helena nach 18.00 Uhr das Haus nicht mehr verlassen. Möglicherweise war sie deshalb nicht in der Lage, sich zu integrieren.

Mitte Oktober 1998 rief uns die Sozialarbeiterin aus Brno an und teilte mit, daß sie Helena mit ihren Sachen in einen Bus Richtung Karlovy Vary gesetzt habe, wir sollten sie von dort abholen. Uns blieben vier Stunden Zeit, eine Unterbringungsmöglichkeit für Helena zu finden. Gleichzeitig war uns bewußt, daß ihr Leben allein dadurch akut gefährdet ist, wenn sie im Raum Karlovy Vary/Cheb gesehen würde.

Nach mehreren Kontakten mit verschiedensten Ämtern und Einrichtungen der Städte Karlovy Vary, Sokolov und Kynsperk gelang es uns, eine auf zwei Tage begrenzte Unterbringungsmöglichkeit in einem Jugendwohnheim von Kynsperk zu erhalten. Helena hatte uns erzählt, daß sie wieder zurück nach Brno möchte, sich dort um eine neue Arbeit bemühen will, dazu aber eine Unterkunft benötige. Daraufhin nahmen wir Kontakt mit verschiedenen kirchlichen Einrichtungen in Brno auf. Es wurde uns mitgeteilt, daß kurzfristige Unterbringungsmöglichkeiten "relativ" aussichtslos seien. Über die Hilfsorganisation La Strada in Prag erhielten wir die Telefonnummer der Heilsarmee in Brno. Dort wurde uns zugesichert, daß Helena eine Wohnmöglichkeit bekomme, jedoch erst in zwei Wochen. In der Tschechischen Republik gelang es uns nicht, für diese Zeit eine Unterkunft für Helena zu finden.

Wir wanden uns an die Ausländerbehörde und das Sozialamt der Stadt Plauen , fragten dort nach einer Unterstützungsmöglichkeit. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, teilweise bedingt durch die ablehnende Haltung einiger Angestellten, ist es uns gelungen, Helena für eine Woche im Frauenhaus von Plauen unterzubringen. Da die Unterbringungskosten im Frauenhaus 96,00 DM betrugen, vom Amt jedoch nur 52,00 DM für Lebensmittel zur Verfügung gestellt wurden, haben wir die Differenzsumme privat finanziert.

Ende Oktober brachten wir Helena zurück nach Karlovy Vary. Von dort fuhr sie mit dem Bus nach Brno. Gleichzeitig informierten wir die Sozialarbeiterin der Hilfsorganisation "Magdalenium" über Helenas Rückkehr, baten diese, sie abzuholen, zur Heilsarmee zu begleiten. Später erfuhren wir, daß dies jedoch nicht geschehen ist.

Von da an gab es weder zu Helena noch zur Hilfsorganisation "Magdalenium" Kontakte, da diese mittlerweile kein Telefon mehr hatten. Unser Bemühen, die jetzige Adresse von Helena ausfindig zu machen, blieb über eine Woche erfolglos. Von der Heilsarmee konnten wir in Erfahrung bringen, daß sie nie dort angekommen ist. Anläßlich einer Konferenz im November 1998 in Prag, trafen wir die Sozialarbeiterin aus Brno wieder und fragten sie nach Helena. Sie teilte uns mit, keinen Kontakt zu Helena zu haben und war auch nicht bereit, sich weiter um "die Angelegenheit" zu kümmern.

Am Silvesterabend 1998 rief mich Helena an, weinte, konnte mir aber nichts zu ihrem Aufenthalt sagen, mußte nach kurzer Zeit auflegen. Auf dem Display des Telefons erschien eine Nummer, aus der hervorging, daß das Gespräch aus Brno kam.

Anfang Januar diesen Jahres riefen wir diese Telefonnummer in Brno an. Am anderen Ende der Leitung meldete sich ein Mann, wir fragten nach Helena. Es wurde uns von diesem Mann Mitgeteilt, "... es ginge jetzt nicht", wir sollten nicht mehr anrufen. Mehrmals versuchten wir, sie zu erreichen, was uns dann auch gelang. Helena erzählte, daß sie bei einer Familie in Brno lebe, dort als Babysitter arbeite. Sie mußte aber das Gespräch nach wenigen Minuten beenden.

Am Sonntag, den 24.01.1999 rief mich Helena zu Hause in Plauen an, teilte mit, sie sei nun in ein Bordell nach Straßbourg verkauft worden. Sie bat mich, sie dringend von dort zu holen. Nach kurzer Zeit weinte und flüsterte sie nur noch, das Gespräch wurde unterbrochen.

Nach mehreren ergebnislosen Versuchen, Helenas konkreten Aufenthalt in Straßbourg zu ermitteln, kontaktierte ich am 26.01.1999 einen Ermittlungsbeamten des Bereiches Organisierte Kriminalität aus Deutschland. Trotz der bewußten Schwierigkeiten, die eine Ermittlung im Fall Helena unbedingt begleiten werden, wurde mir zugesichert, alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auszuschöpfen.


source: KARO (http://www.karo-sozialprojekt.de)

close this window